Merit Order erklärt – So entsteht der Strompreis an der Börse
Wer einen Spot-Tarif hat oder über einen solchen nachdenkt, stößt früher oder später auf den Begriff Merit Order. Hinter dem englischen Fachwort steckt ein überraschend einfaches Prinzip – und gleichzeitig einer der wichtigsten Hebel der Energiewende. Wer Merit Order verstanden hat, versteht auch, warum Strompreise an manchen Tagen negativ werden können, warum erneuerbare Energien den Strompreis langfristig senken und warum Floater-Kunden direkt von dieser Entwicklung profitieren.
Das Merit-Order-Prinzip in einem Satz
Die Merit Order ist die Reihenfolge, in der Kraftwerke zur Stromerzeugung herangezogen werden – sortiert nach ihren Grenzkosten, also den variablen Kosten pro Kilowattstunde. Zuerst läuft das billigste Kraftwerk, dann das zweitbilligste, und so weiter, bis die Stromnachfrage gedeckt ist. Und jetzt kommt der Clou: Der Preis, den alle Erzeuger für ihren Strom bekommen, wird vom letzten noch benötigten Kraftwerk bestimmt. Das nennt man den marginalen Preis oder „Grenzpreis".
Die Reihenfolge der Kraftwerke
In Europa und speziell in Österreich sieht die typische Merit-Order-Kurve grob so aus, aufsteigend nach Grenzkosten:
- Erneuerbare Energien (Wind, Solar, Wasserkraft, Laufwasser): Grenzkosten nahezu null. Eine Windkraftanlage verbraucht keinen Brennstoff. Eine Solaranlage auch nicht. Eine Wasserkraftanlage nutzt die Schwerkraft. Diese Anlagen liefern, sobald das Wetter mitspielt – und zwar zu praktisch null Grenzkosten.
- Kernkraft: Sehr niedrige Grenzkosten, weil die Brennstoffkosten gering und die Abschreibungen längst durch sind. In Österreich nicht relevant – aber in Nachbarländern wie Tschechien und Frankreich ein wichtiger Grundlastlieferant.
- Braunkohle: Niedrige Brennstoffkosten, aber hohe CO₂-Belastung und steigende Zertifikatspreise verteuern den Betrieb.
- Steinkohle: Höhere Brennstoffkosten als Braunkohle, wird zunehmend unwirtschaftlich.
- Erdgas: Aktuell oft das preissetzende Kraftwerk in der Mittel- und Spitzenlast. Gasturbinen lassen sich schnell hoch- und runterfahren und füllen die Lücke, wenn Wind und Sonne nicht ausreichen.
- Öl, Spitzenlastgasturbinen: Höchste Grenzkosten, kommen nur in absoluten Spitzenstunden zum Einsatz.
Das marginale Prinzip – der Preis für alle
Jetzt das Kernprinzip: Wenn die Auktion am Day-Ahead-Markt gerade genug Strom für die erwartete Nachfrage „einkauft", schneidet sie die Merit-Order-Kurve bei einem bestimmten Punkt. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis. Alle billigeren Kraftwerke – also auch alle Erneuerbaren – bekommen exakt diesen Preis. Nicht weniger.
Das wirkt auf den ersten Blick ungerecht, ist aber ökonomisch sinnvoll: Nur so haben Kraftwerksbetreiber einen Anreiz, auch in teurere, flexible Kapazitäten zu investieren, die vielleicht nur an wenigen Tagen im Jahr gebraucht werden. Ohne marginales Pricing gäbe es diese Investitionsanreize nicht.
Warum Erneuerbare den Preis drücken
Hier wird es spannend für jeden mit einem Spot-Tarif. Jede zusätzliche Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom, die ins Netz eingespeist wird, verschiebt die Merit-Order-Kurve effektiv nach rechts. Das bedeutet: Die Nachfrage wird vom Angebot eher gedeckt, das Grenzkraftwerk rutscht auf der Kurve nach unten, und der Preis für alle Erzeuger sinkt.
Praktisches Beispiel: An einem windigen, sonnigen Sommersonntag erzeugt Mitteleuropa weit mehr Strom aus Wind und Sonne als benötigt. In diesen Stunden schneidet die Nachfragekurve die Merit-Order nicht mehr bei einem teuren Gaskraftwerk, sondern womöglich schon bei einem Wasserkraftwerk mit minimalen Grenzkosten. Der Day-Ahead-Preis fällt – manchmal bis ins Negative, wenn die erneuerbaren Erzeuger lieber „draufzahlen", als ihre Anlagen abzuschalten (weil sie Förderungen oder Herkunftsnachweise verlieren würden).
Österreichs Energiemix
Österreich hat einen ganz besonderen Energiemix: Rund 87 % der Stromerzeugung stammt aus erneuerbaren Quellen (Stand 2024) – der größte Anteil davon aus Wasserkraft. Das Ziel der österreichischen Bundesregierung ist 100 % bilanzieller Ökostrom bis 2030, festgelegt im Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG). Wasserkraft ist dabei der entscheidende Vorteil: Im Gegensatz zu Wind und Sonne ist sie grundlastfähig und liefert rund um die Uhr.
Für den Spot-Preis hat das zwei Folgen: Erstens sind die durchschnittlichen Großhandelspreise in Österreich oft niedriger als in vielen anderen europäischen Ländern. Zweitens ist der österreichische Markt eng mit dem mitteleuropäischen Verbund gekoppelt – mehr dazu im Ratgeber zum europäischen Energiemarkt.
Warum Floater-Kunden direkt profitieren
Hier kommt der Punkt, der für jeden Stromkunden relevant ist: Wer einen Spot-Tarif wie FlexPower Neo hat, bekommt die Merit-Order-Dynamik unmittelbar auf seine Rechnung. Jede Viertelstunde, in der die Merit-Order den Preis drückt – weil viel Wind weht, die Sonne scheint oder ein günstiges Laufwasserkraftwerk die Grenzmenge liefert –, bedeutet für den Kunden einen niedrigeren Energiepreis in dieser Viertelstunde.
Wer dagegen einen klassischen Fixpreis-Tarif hat, merkt davon nichts. Der Lieferant hat den Strom bereits Monate oder Jahre im Voraus am Terminmarkt eingekauft – der Preis für den Kunden bleibt stabil, auch wenn die aktuellen Grenzkosten am Spot längst gefallen sind.
Negativpreise – ein Phänomen der Merit Order
Einer der auffälligsten Effekte der Merit Order sind Negativpreise. In Österreich gab es 2024 mehrere hundert Stunden mit negativen Day-Ahead-Preisen. Wie kommt das? Ganz einfach: Wenn die Merit-Order in einer Stunde so weit nach rechts rutscht, dass die Nachfrage komplett aus erneuerbaren Quellen gedeckt wird, und gleichzeitig einzelne Erzeuger ihre Anlagen nicht abschalten wollen (wegen laufender Förderverträge oder weil das Abschalten und Wiederanfahren technisch teurer wäre), dann bieten sie sogar zu negativen Preisen an. Kunden mit Spot-Tarif zahlen in solchen Stunden effektiv nichts oder fast nichts für den reinen Energiepreis.
Die Grafik im Kopf
Stellen Sie sich die Merit-Order-Kurve als Treppe vor. Ganz links unten sitzen die erneuerbaren Stufen mit praktisch null Grenzkosten. Je weiter rechts, desto höher die Kosten pro kWh. Die Nachfrage ist eine vertikale Linie, die die Treppe an irgendeiner Stelle schneidet. Diese Schnittstelle ist der Preis für die nächste Stunde. Je mehr Erneuerbare links dazukommen, desto weiter rutscht der Schnittpunkt nach rechts – und damit nach unten – und der Preis sinkt.
FLEXENERGY
Direkt vom Merit-Order-Effekt profitieren
FlexPower Neo reicht den EPEX SPOT Preis viertelstündlich durch. Wenn die Merit Order den Preis drückt, landet das direkt auf Ihrer Rechnung.